Die Flucht des Eichhörnchens

Leseprobe

Copyright Autorin Heike Vullriede

Nachdenklich drehte Eva den Brief aus ihrem Postkasten um. Es sah nicht aus wie eine Rechnung, zum Glück. Aber der Absender ‚Jugendamt’ verhieß auch nichts Gutes. Als sie damit begann, den Umschlag mit den Fingernägeln aufzureißen, fiel ihr Blick auf die Armbanduhr. Verdammt! So spät schon. Die Bahn! Eilig stopfte sie die Post ungelesen in ihren Blazer und lief los.

In der Straßenbahn entstand ein Gedränge. Es gelang ihr nie, sich in Gedrängen durchzusetzen. So blieb sie im engen Gang stehen, nahe zur Tür und an einen besetzten Sitz gequetscht. Sie hoffte, dass an der nächsten Haltestelle niemand zusteigen würde. Denn ein Durchrutschen nach vorne war nicht möglich. Mit ausgestrecktem Arm hing sie an einer der Halteschlaufen, die über ihrem Kopf baumelten. Während der Fahrt blickte sie zwischen den Rücken und Brüsten der anderen Fahrgäste nach draußen. Der Atem aus den fremden Mündern erstickte sie fast. Jemand hinter ihr roch nach ungewaschenen Haaren. Als endlich der Platz vor ihr frei wurde, musste sich Eva zum Ausstieg durchschieben.

Erleichtert verließ sie die Bahn. Angenehmer Spätsommerwind wehte durch die Wellen ihrer dunklen Haare. Genau mit der richtigen Temperatur, sich gestreichelt zu fühlen. Eine Weile blieb sie mit geschlossenen Augen mitten auf dem Gehweg stehen, um diesen kurzen Moment zu genießen.

Leider drängte die Zeit. Sie hatte Katja versprochen, schon am Vormittag zu kommen. Gemeinsam wollten sie einen Anorak kaufen. Besonders freute sie sich nicht über den geplanten Ausflug. Die Sechsjährige durch Geschäfte zu schleifen, bedeutete stets Nervenaufreiben. Katjas Wünsche waren maßlos und Evas Geduld gering.

Je weiter sie sich dem Kinderheim näherte, desto unwohler fühlte sie sich. Immer, wenn Eva ihrem Kind hier entgegen trat, schlug ihr Herz wie im Lampenfieber. Jedes Mal fürchtete sie, Katja könnte sich öffentlich schreiend umdrehen und nicht mitwollen.

Auch heute war es schrecklich! Eva wartete vor der Tür, mit hektischen roten Flecken am Hals. Bemüht, möglichst einladend zu lächeln. Jedoch mit einem Gesichtsausdruck, als wollte sie sich gegen irgendetwas verteidigen. Wie immer lächelte auch Katja mehr höflich und die übliche Anfangsdistanz legte sich zwischen beide.

*

Leon sprang über die geschlossene Tür seines Cabrios auf den Fahrersitz. Es war eine gekonnte Darbietung für seine zahlreichen Freunde, die in den anderen Wagen auf ihn warteten. Verschmitzt lud er sich mit einem Wink passende Begleitung auf den Rücksitz ein. Genauso verschmitzt legten sich die ersten feinen Krähenfüße um seine blauen Augen, als er sie angrinste. Die beiden Mädchen stiegen gerne in sein Cabrio um. Der laue Sommerwind, die fliegenden Haare während der Fahrt – das waren Dinge, die nicht nur Leon begeisterten.

Er drückte eine CD ins Fach und scherte aus. Bereits die ersten Takte der Musik dröhnten in einer Lautstärke, die seinen Boxen angemessenen war. Während sie als Kopf einer kleinen Kolonne ihr Ausflugsziel ansteuerten, ließ der Bass die Herzen der Insassen mithüpfen.

Als Leon gerade eine Kreuzung befuhr, spürte er plötzlich etwas Eiskaltes seitlich an seinem Hals. Er schrie kurz auf und zog die Schulter hoch. Dabei klemmte er ungewollt das Kalte zwischen Kopf und Schulter ein.

„Fühl mal!“

Die blonde Sarina vom Rücksitz lachte frech über seinen Schreck. Leon hatte einige Mühe, auf den Straßenverkehr Acht zu geben.

„Was ist denn das?“

Er erkannte im Augenwinkel ein verpacktes Stieleis. Zuerst wollte er es schnell aus seiner Umklammerung lösen. Dann stoppte er sich und ließ es stecken. Seine Haut gewöhnte sich bereits an das kalte Gefühl. Grinsend fuhr er weiter und stellte sich vor, das Eis wäre ein eingeklemmtes Handy. Sarina lachte Tränen, als der erste Tropfen aus der Verpackung in Leons Poloshirt kroch. Er fühlte genau den Weg, den der zähe Tropfen nahm und er glaubte kaum, dem Kitzeln standhalten zu können. Aber um den Ruf seiner außergewöhnlichen Lässigkeit zu bekräftigen, hätte er schon Schlimmeres ertragen. Und so wie jedes Mal, fand er auch heute ein dankbares Publikum, welches jeden seiner Späße begierig aufsog.

Sarina tippte ihn von hinten an. „Ich glaube, wir haben zwei Wagen verloren. Halt doch mal an!“

Leon sah in den Rückspiegel. In einem plötzlichen Schlenker lenkte er den Wagen an den Fahrbahnrand und hielt. Bei der Gelegenheit erlöste er sich von dem klebrigen Eis und warf es samt Verpackung in ein Gebüsch. Betont gelangweilt drehte er sich um.

„Wo bleiben die denn? Wir fahren doch kein Altenheim spazieren!“

Zwei nachfolgende Wagen hielten hinter ihnen, um zu warten. Aber die Vermissten holten nicht so schnell auf.

„Ach – wir fahren!“, meinte Leon ungeduldig.

„Sollten wir nicht warten? Wir sind ja ziemlich schnell gefahren.“ Sarina knotete ihr zerzaustes Haar.

Doch Leon winkte ab. „Worauf?“

Er zündete den Motor. „Wenn die mit meinem sportlichen Fahrstil nicht mithalten können, müssen ja nicht alle darunter leiden.“

Eine Antwort wartete er nicht ab. Er fuhr los, den verbliebenen beiden Wagen voraus. Hier, außerhalb der Stadt, freute er sich, sein Auto flotter fahren zu können. Es kam ihm vor, als ließe er einem ständig an der Leine geführten Tier seinen Auslauf. Die Kurven der Landstraße brachten erst das richtige Fahrgefühl. Auch die Mädchen hinter ihm kreischten vor Vergnügen, wenn der Bauch in die Seite rutschte. Der Weg zum Entensee bestand fast nur aus Kurven.

Der See lag in völliger Ruhe vor ihnen, als sie ankamen. Leon und die Mädchen verstummten gemeinsam mit dem Motor. Während sich die Blondinen dann über ihre Jacken und Taschen hermachten, stieg Leon aus und blickte über das Wasser. Nichts verriet den kommenden Ansturm natursüchtiger Menschenmassen, die schöne Wochenendtage dem See mit seinem umliegenden Wäldchen brachte. Noch lag er vor ihnen, wie ein unberührter Fleck. Wie unentdeckt oder vergessen zwischen den grauen Metropolen des Ruhrgebietes. Allein ihre eigene Ankunft störte die Stille des Wassers. Die Geräusche der nach ihnen kommenden Reifen über steinige Erde. Deren Platschen durch tiefe, noch nicht ganz ausgetrocknete Pfützen. Die ankommenden und abklingenden Motoren – für einen Moment kam es Leon so vor, als dürften sie hier nicht eindringen. Den Enten allerdings schien es egal. Sie schwammen unbeirrt in der Mitte des Sees, ohne ihre Köpfe zu wenden.

Jedes dritte Mal kamen er und seine Freunde hierher. Denn es gab nichts Natürlicheres in vergleichbarer Nähe. Nur, wenn sie wie heute, am Samstagvormittag, oder an einem Urlaubstag in der Woche kamen, entgingen sie dem Trubel und dem Gedränge auf den Trampelpfaden. Morgens ließen sich auch die Enten noch füttern. Sogar von Weitem schwammen sie heran, wenn man Brotstückchen ins Wasser warf. Nachmittags, schon satt, achteten sie das gleiche Brot nicht mehr.

Doch Leon vergaß seine Bedenken bald. Sie riefen sich zu, holten Grill und Bier aus den Fahrzeugen und reichten sich Kühltaschen mit Fleisch. Dann marschierten sie los, zu ihrem angestammten Platz. Ein Fleckchen Erde, das sie fast schon als Eigentum betrachteten und um das sie laut maulten, wenn es einmal besetzt war.

Die Sportlichen unter ihnen, allen voran Leon, ließen die anderen den Grill anheizen, während sie selbst den See umrannten. Atemlos flitzten sie an Enten und ersten Kastanien vorbei.

Leon, obwohl der Älteste unter ihnen, gewann mal wieder den fast schon ernsten Lauf, was ihn sehr befriedigte. Trotzdem, das merkte er seit längerem, fiel es ihm immer schwerer zu gewinnen. Konnte er sich doch während der Woche nur noch selten für ein Training aufraffen. Glücklicherweise wusste niemand, wie häufig er einem gemütlichen Abend vor dem Fernseher dem früher so wichtigen Sportsgeist den Vorzug gab. Mit den Zwanzigjährigen Schritt zu halten war nicht leicht. Ihnen aber voranzusporten forderte mittlerweile seine ganze Kraft. Gerade heute spürte Leon, dass er längst seine letzte Kraft gab. Das vermieste ihm den eben noch brustschwellenden Sieg.

*

Der Einkauf mit Katja verlief genauso hektisch, wie Eva es sich vorgestellt hatte. Nach zahllosen lautstarken Redeschlachten verstauten sie endlich einen Anorak in der Einkaufstüte, der beiden gefiel.

Katja hielt mit beiden Armen die Tüte umklammert und grinste verbissen, jedoch auch ein wenig zufrieden vor sich hin. Lange blonde Strähnen lagen in ihrem blassen Gesicht. Eine davon – wie immer – im Mund. Eva konnte nicht anders. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Sie strich Katja die Haarsträhne heraus. Ihr war, als schmeckte sie diese Haare zwischen ihren eigenen Zähnen. Das konnte sie nicht ertragen. Augenblicklich zog Katja ihren Kopf zurück. Ihre Lippen pressten sich zusammen, um festzuhalten, was ihr gehörte. Diese Geste erinnerte Eva daran, dass sich nichts geändert hatte. Katja würde sie nicht an sich heran lassen und Eva würde diese Abweisung als Beleidigung empfinden. Beide gefangen in einem Kreislauf, der sie davon abhielt, miteinander zu leben.

Um die Spannung zu lockern, schlug Eva vor, ein Eis zu essen. Wie erwartet reagierte Katja sofort. Ihre Augen bekamen diesen hemmungslosen Ausdruck. So sehr Eva sich auch bemühte, ihn nur als freudig anzusehen. Sie fand ihn einfach nur gierig.

Während sie innerlich bereits im Voraus ihre Finanzen beklagte, versprach sie, eine Eisdiele aufzusuchen. Ihr war, als beschränkte sich die Beziehung zu ihrem Kind einzig auf das Geben ihrerseits und dem Nehmen Katjas. Wobei das Wort ‚Danke’ in Katjas Wortschatz nicht vorkam.

Die Innenstadt war sehr belebt. Vor ihren Portalen hatten nahezu alle Geschäfte Waren zur Schau gestellt, um vorbei eilende Menschen zum Kauf zu verleiten. Dieser schöne Tag lockte heute viele Käufer in die City. Golden scheinend ließ die Sonne sogar die steinernen Fassaden der Warenhäuser warm erscheinen. Das Blenden in den Augen tröstete Eva. Es schenkte ihr einen Moment der Zufriedenheit, als sie so mit ihrem Kind an der Hand durch die breite Fußgängerzone schlenderte. Sie ließ sich von den Schaufenstern inspirieren und musterte die Menschen, die ihr entgegen kamen. Man musste sie mit ihrem Kind an der Hand für eine glückliche Mutter halten.

„Wie lange soll ich denn noch auf das Eis warten?“

Eva zuckte.

Nervös wanderten ihre Augen jetzt über die Aufschriften der Geschäfte. Katja würde erst zur Ruhe kommen, wenn sie das Versprochene in Händen hielt.

*

Der rauchige Geruch des Fleisches vermehrte nur den Appetit auf noch mehr des herzhaften Geschmacks. Leon aß, bis sich seine Hose um den Bauch zu spannen begann und er aß auch dann noch weiter. Obwohl er genau wusste, er sollte aufhören. Doch er konnte sich einfach nicht beherrschen. Nichts befriedigte seine Geschmacksnerven mehr, als diese Grillorgien, auf denen sie alle pfundweise würziges Fleisch verdrückten und Bier dazu tranken.

„Leon, heute fährst du mal wieder einen ganz schön heißen Reifen!“, bemerkte Tobias über vier Köpfe hinweg.

„Na klar – heiße Männer, heiße Reifen!“, rief Leon zurück.

Natürlich schienen ihm die flapsigen Redensarten mit seinen Freunden nicht sehr geistreich. Dennoch machte ihm seine eigene Schlagfertigkeit Spaß.

Nach zwei Stunden fuhren sie zurück, wie sie gekommen waren. Als Konvoi und Bande in bester Laune. Unterstützt durch zwei bis drei Flaschen Bier fuhr es sich noch leichter die kurvenreiche Strecke entlang. Am Stadtrand angelangt hatte Leon sein Fahrzeug und sich selbst gut ausgefahren. Er drosselte die Geschwindigkeit, bremste sogar etwas zu abrupt ab, um die nachfolgenden Freunde zu erschrecken. Mit erwartetem Ergebnis. Leon lachte und fuhr zügig weiter. Die Strecke durch die verzweigte Innenstadt war sein täglicher Arbeitsweg. Er hätte sie mit geschlossenen Augen fahren können. Jede Ampel und jede aktuelle Baustelle waren ihm vertraut. So konnte er leicht alle anderen abhängen, ohne wesentlich zu schnell zu fahren. Den beiden Mädchen auf dem Rücksitz bereitete es lautstarke Freude.

An der meist befahrenen Kreuzung der Stadt musste er halten. Diese Ampel zeigte Leon jedes Mal ‚Rot’. Egal, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit er eintraf. Im Rückspiegel hielt er Ausschau. Die Wartezeit an der Ampel entpuppte sich als zu lang. Der erste abgehängte Wagen seiner Freunde tauchte auf. Noch immer ‚Rot’! Leon legte den Gang ein.

Sabrina maulte, „Mist, die holen auf!“

Er spielte mit dem Pedal. Der Querverkehr stand bereits. Endlich ‚Grün’! Leon gab Gas!

*

Nachdem sie Katja endlich ein Eis besorgt hatte, genoss Eva eine Weile die Ruhe vor Katjas Quengelei. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie das Kind im Weitergehen. Sie beobachtete, wie Katja mit dem Mund geschickt die beiden Kugeln weiter in das Hörnchen hinein drückte, um sie nicht zu verlieren. Dann fuhr sie mit ihrer Zungenspitze rund um den Rand des Hörnchens und fing die sich langsam bildenden Tropfen auf. Eva benässte automatisch ihre eigenen Lippen. Als schmeckte sie selbst die Süße der kalten Nascherei. Erinnerungen wurden wach. Daran, wie sie früher die anderen Kinder beobachtet hatte. Sie – selbst noch ein Kind – beobachten musste, wie sie Eis aßen, und sie keins hatte. Große Eishörnchen mit dicken süßen herunterlaufenden Tropfen. Wie sie es auf die gleiche Weise ableckten, wie Katja es jetzt tat. Und wie Eva darauf wartete, dass eins der Kinder das Festdrücken vergaß und das Kügelchen verlor. Das fremde Kind weinte und schrie laut. Aber dessen Mutter zog es weg, als es die Eiskugel wieder auf das Hörnchen schieben wollte. Die Bilder dieser Erinnerung waren so nahe, als wären sie eben erst entstanden. Eva sah sich selbst, wie sie heimlich zu der Kugel lief, die am Boden klebte. Oben schön rund und rosa. Platt an den Gehweg geklatscht. Sie sah, wie sie mit dem Zeigefinger anfing, das Eis am Boden aufzuessen. Finger für Finger. Leute kamen vorbei und schimpften. Kinder kamen vorbei und lachten sie aus. Obwohl sie sich bodenlos schämte, aß sie weiter…

„Meine Finger kleben!“

Eva kam aus der Erinnerung zurück.

„Meine Finger kleben. Fühl doch mal!“

Katja schmierte die klebrigen Hände an Evas Arme. Sie drückte die kleinen Finger weg. Wie nur konnten andere Mütter sogar die Kaugummis ihrer Kinder weiter kauen?

„Wir waschen sie gleich ab!“

„Nein, jetzt!“ Katja sprang ungeschickt an Eva hoch und fuchtelte in ihrem Gesicht herum. Gereizt fing Eva die dürren Handgelenke ein und hielt Katja von ihr fort.

„Ich sagte, wir waschen sie gleich!“, presste sie heraus. Im Augenwinkel meinte sie schon, die ersten anklagenden Blicke vorbei eilender Passanten zu erkennen.

„Wo denn?“, quengelte Katja laut.

Suchend fuhren Evas Augen umher. Wo, verdammt noch Mal, sollte man hier verklebte Kinderhände waschen? Auf der anderen Straßenseite fiel ihr ein Brunnen auf, aus dem trübes Wasser heraus und wieder herein floss. Sie ließ Katja los.

„Dort!“

Mit dem Zeigefinger wies sie auf das Wasserspiel hinter der Ampel. Katja lief los und Eva wischte sich ihre Hände am Rock ab, weil sie das Gefühl hatte, sie klebten jetzt auch. Plötzlich fuhr ihr Blick auf die Kreuzung. „Katja…!“

Sie sah das Fahrzeug heran fahren. Trotz der wenigen Sekunden, die vergingen, empfand sie die Zeitspanne auch später noch wie eine langsame, Zeitlupen ähnliche Bilderfolge. Tatenlos folgten ihre Augen von Weitem. Selbst die Geräusche klangen gedämpft. Das Quietschen der Reifen. Dann der Klatsch und der Aufschrei der Passanten.

Katjas Körper wirbelte wie eine Puppe durch die Luft. Er überschlug sich und fiel am anderen Straßenrand nieder. Bewegungslos, die Hände nach beiden Seiten am Boden ausgestreckt, blieb das Kind auf dem Bauch liegen.

*

Leon blieb noch lange starr im Wagen sitzen. Der Gurt hatte sich beim Aufprall eng an ihn gepresst. Der Airbag war in sein Gesicht geknallt. Er spürte einen dumpfen Schmerz an seinem Brustkorb. Unter seinen Schläfen pochte es im Takt des Pulses. In seinem Mundinneren, rechts und links in den Wangentaschen, kam ein unangenehmes Kribbeln auf. Speichel sammelte sich schneller in seinem Mund, als er ihn schlucken konnte. Ihm war übel. In sich versunken, schloss er die Augen. Um das aufsteigende Mageninnere bei sich zu behalten, schluckte er mehrmals ruckartig.

Als Leon mit langsamen Bewegungen den Gurt ablegte und ebenso langsam aus dem Wagen stieg, hatte er Mühe, seinen Körper aufrecht zu halten. Er hielt sich außen an der Wagentür fest und blickte um sich. Gesichter von entsetzten Passanten. Eine Fahrzeugschlange hinter seinem Cabrio. Die beiden blassen Mädchen auf seinem Rücksitz. Sein Freund Tobias stand neben dem Heck von Leons Auto. Alle Augenpaare schienen ihn anzublicken. Als wäre er eingefroren gewesen und gerade erst aufgetaut, zwang er seine Beine zum Ende seines Wagens. Von dort aus sah er das am Boden liegende Kind.

2. Leseprobe

Minuten des Schreckens lähmten die Menschen am Unfallort. Erst allmählich fassten sie sich. Einige knieten jetzt vor dem Kind und versuchten, sich gegenseitig beratschlagend, kümmerliche erste Hilfe zu leisten. Irgendjemand rief den Notarzt. Leon fühlte sich nicht einmal in der Lage, näher zu gehen. Er starrte auf das Kind und wartete nur auf eines – dass es sich bewegte! Und wenn es nur einen einzigen Finger gekrümmt oder mit dem Fuß gezuckt hätte. Oder, von ihm aus, auch geschrien wie am Spieß. Nur tot durfte es nicht sein! In den Augen der Umherstehenden las er Anklage. Entsetzte Mütter drückten traumatisierte Kinder an sich und er vernahm Satzfetzen, wie ‚Raserei’, ‚unschuldige Kinder’, ‚gehört ins Gefängnis’. Und … ’Wo ist denn die Mutter?’

Eva stand mitten in der Menschenmenge. Wie eine unbeteiligte Zuschauerin. Es war ihr Kind, das dort lag. Ihr Kind, um das sich fremde Menschen sorgten. Wie auf Watte ging sie näher, schlängelte sich kraftlos bis zur vorderen Reihe der Neugierigen durch und sah die Rettungswagen kommen.

Das Rettungsteam spannte ein Tuch um den Unfallort. Mit Schläuchen verbunden schoben sie Katja dann auf einer Trage eilig in den Einsatzwagen. Zurück blieb ein Blutfleck von der Größe eines Kopfes.

Eva lief hinter den Sanitätern her. Einer von ihnen fasste sie am Arm und hielt sie auf. „Sind Sie die Mutter?“

Sie nickte, erstaunt, dass er sie sofort als Mutter erkannt hatte. Man verstaute sie im Notfallwagen. In eine Ecke, zwischen ihr unbekannten medizinischen Apparaturen gequetscht, sah sie zu, wie man sich um das Kind bemühte. Draußen erblickte sie noch die beiden Polizisten und den Fahrer des Unfallwagens, wie er mit ihnen redete und mit den Händen gestikulierte. Dann wurde die Tür zugeknallt. Der schwere Wagen setzte sich mit lauten Sirenen in Bewegung.

*

Der kühle Gang des Krankenhauses ließ nichts von dem schönen Tag ins Innere dringen. Fensterlos sperrte er jeden Sonnenstrahl aus und irritierte Evas Empfindungen mit Kunstlicht. Während sie hier umher ging oder sich zum Warten auf einen der ungepolsterten alten Holzstühle setzte, spürte sie nichts mehr von der Jahreszeit und von der frischen Luft draußen. Sie vergaß sogar, ob es noch hell oder bereits dunkel war. Nur ein Blick auf die Uhr oder die verstandesmäßige Berechnung der vergangenen Augenblicke ermöglichte ihr eine Ahnung von der Leuchtkraft des Tageslichtes.

Eva blieb auf einem der Stühle sitzen und versuchte, sich weit weg von diesen kalten Gängen zu denken. Vor nicht mehr von ihr bezifferbarer Zeit hatte man Katja an ihr vorbei geschoben. Auf einem weißen Bett liegend, ganz nackt, zusammen mit Schläuchen und Tüchern. Hastig, durch die Tür zum Operationsbereich des Krankenhauses. Personal war an ihr vorbei geeilt, in Weiß, in Grün. Niemand hatte sie auf dem Gang beachtet.

Weit weg denken – was war weit weg genug?

„Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“

Eva fuhr herum. Eine junge Krankenschwester mit zusammen gebundenen Haaren blickte freundlich auf sie herab.

„Ja, danke!“ Evas Stimme klang leise. Ihre Gedanken fanden jetzt doch wieder ungebeten in den Zeitpunkt des Unfalls … das heran nahende Fahrzeug … Katjas Körper in der Luft und dann am Boden liegend. Eva fühlte sich kalt. Sie hätte heulen sollen, doch sie konnte nicht. Sie war leer.

Die Schwester stellte ihr ein graues Tablett, bestückt mit einer Tasse dampfenden Kaffees und dem üblichen Zubehör auf einen kleinen Beistelltisch neben ihren Stuhl.

„Wenn Sie irgendetwas benötigen, sagen Sie es ruhig.“

Sie sah Eva an, als wüsste sie nicht, was sie sonst noch sagen sollte. „Vielleicht möchten Sie jemanden anrufen?“

Eva sah zu ihr hoch. Mechanisch nahm sie die Tasse mit dem Kaffee in die Hand. Schon vor der Berührung mit dem Getränk verspürten ihre Lippen, dass er kochend heiß war.

Nein – anrufen wollte sie niemanden. Es gab einfach niemanden.

In winzigen Schlucken nippte sie den Kaffee, der sie wenigstens mit ein bisschen Wärme füllte.

*

Nachdem die Polizei Leons Angaben zum Unfall aufgenommen hatte und ebenso die der wirklichen Zeugen und solcher, die es sein wollten, löste sich die Menschenansammlung allmählich auf. Leon blieb schließlich mit einem einzigen Freund zurück. Keine Spur mehr von der Wagenkolonne voller Freunde. Außer Tobias waren sie alle weg.

Tobias bot an, ihn nach Hause zu fahren. Unterwegs blieben sie still, jeder in Gedanken versunken. Leons Augen glänzten. Warum war ihm das passiert?

„Das Kind hatte Rot.“, sagte er und er sah seinen Freund an, um aus dessen Gesicht zu lesen, dass ihn keine Schuld traf. Aber Tobias blickte nicht zurück und machte keine Geste, die er irgendwie hätte deuten können. Er lenkte mit beiden Händen und sah geradeaus auf die Straße.

„Wir haben es alle gesehen, Leon.“

Tobias hielt an einer roten Ampel. Trotzdem blickte er weiter geradeaus, als er nochmals betonte:

„Das Kind ist bei Rot gelaufen – quer über die Straße – keine Frage.“

„Ja“, sagte Leon mehr zu sich und schluckte. Er betrachtete seine Finger auf seinem Schoß, die unruhig mit den Nägeln spielten. Als er zwinkerte fielen Tränen aus seinen Augen, die er rasch mit einer Hand wegwischte. Tobias sollte es nicht sehen. Zu Hause würde er heulen können, aber nicht jetzt.

Sie befuhren die alltägliche Strecke durch seinen Stadtteil. Durch Einbahnstraßen und Anliegerstraßen hindurch. An Eichen vorbei, an denen der Wind bereits gerupft hatte und deren Blätter jetzt die gepflegten Vorgärten beunruhigten. Eine Baumallee entlang, durch deren schüttere Baumkronen die Sonne während der Fahrt flackernd blendete. Es hätte ein schöner Tag werden können. Warum musste er gerade zu dieser Zeit an diese Kreuzung herangefahren sein? Sekunden früher oder später und es wäre nicht passiert – nicht ihm. Sekunden bloß. Das bedeutete, einen winzigen Augenblick zu Zögern, bevor man in den Wagen stieg. Oder das Aufheben eines hingefallenen Autoschlüssels. So ein kleiner Moment entschied über sein Leben und das eines Kindes.

Bevor sie in die Sackgasse seines Viertels einbogen, hörte er bereits von weitem das Gelächter und freudige Schreien der Nachbarkinder. In dieser verkehrsberuhigten Gegend trafen sie sich nach den Schularbeiten auf den Straßen. Sie spielten Fangen, fuhren Skateboard und durchkämpften in Abenteuerlust ein noch brach liegendes Grundstück gegenüber von dem Zweifamilienhaus, in dem Leon zur Miete wohnte. An der Einfahrt zur Sackgasse reihten sich sechs kleine Abenteurer lachend auf und hielten, mit abgebrochenen Zweigen bewaffnet, Wache über die Straße.

„Einfahrtgenehmigung, bitte!“, forderte ein größerer Junge streng, in dem er sich breitbeinig mit erhobenem Stock vor Leons Auto positionierte. Alle anderen drängelten sich rechts und links neben sein Cabrio und warteten darauf, dass Leon und Tobias ihnen irgendetwas gaben. Leon kannte das Spiel und für gewöhnlich hatte er auch immer einen witzigen Spruch parat. Doch heute wühlte er nur wortlos im Handschuhfach und gab dem Anführer der Strolche schließlich seine Parkscheibe. Der Junge blickte ernst darauf. Dann befahl er den anderen, den Weg freizumachen. Wie ein Polizist reichte er Leon die Scheibe ordnungsgemäß zurück.

„Sie dürfen passieren!“

„Du kannst sie behalten“, sagte Leon leise.

Tobias begann vorsichtig durch das menschliche Tor zu fahren.

Plötzlich wies ein Mädchen mit dem Finger auf die Motorhaube des Cabrios.

„Ist das an der Beule da Blut? Hast du jemanden totgefahren?“

Sie fuhren ohne Antwort weiter.

Tobias setzte Leon vor der Haustür ab und parkte den Wagen in der Parktasche. Leon stieg die drei Stufen hoch, die zum Eingang führten und beobachtete seinen Freund von der Haustür aus.

‚Wenn er mir jetzt die Autoschlüssel gibt, wird er mich ansehen müssen’, dachte er und misstrauisch musterte er Tobias’ Gesicht, als er näher kam. Doch der hielt ihm den klimpernden Schlüsselbund hin, in dem er auf seine eigenen Schuhe starrte. Ein paar Sekunden standen sie still, bis Leon die Schlüssel annahm.

„Danke für das Fahren. Willst du eben mit hoch kommen? Ich könnte dir ein Taxi rufen.“

„Das mache ich selber. Schon gut!“ Einen kurzen Moment lang blickte er Leon jetzt an. Dabei presste er die Lippen zusammen und zog den Mund breit. Dann klopfte er Leon knapp auf den Oberarm.

„Man sieht sich!“

Tobias ging und Leon sah nur noch den Rücken seines alten Freundes, der sich nicht, wie gehofft, noch einmal umdrehte.

Schwerfällig schleppte sich Leon die Treppe hoch zu seiner Wohnungstür. Im Hausflur hatte er das Gefühl, das man ihm seine Tat ansehen konnte. Als ob seine Vermieter hinter dem Schlüsselloch stünden und ihn anstarrten. Und auf seinem Rücken und seiner Brust stünde ein Schild mit der Aufschrift: ‚Ich habe gerade ein Kind überfahren und bin schuld!’

Alleine das Gefummel am Schloss mit den zittrigen Händen trieb ihm wieder Tränen in die Augen. Die Tür verschloss er, das Telefon schaltete er aus, sein Handy ebenfalls. Sich hinlegen und schlafen? Nein, zuerst duschen, alles herunter waschen und dann hinlegen und schlafen. Dann aufwachen und merken, dass alles nur ein schlechter Traum gewesen war.

*

„Ihrer Tochter geht es schlecht.“

Der Arzt flüsterte es fast.

„Sie hat einen Oberschenkelhalsbruch, vier Rippenbrüche und …“

Er machte eine kurze Pause, während der er seine Augen zu Boden senkte. Es schien keine einfache Aufgabe für den jungen Mann zu sein, mit einer Mutter so über deren Kind zu sprechen.

„… schlimmer ist jedoch die Kopfverletzung. Man weiß nicht, wie weit innere Blutungen Zellen im Gehirn zerstört haben.“

Er wagte jetzt einen Blick in Evas Gesicht, sah es ausdruckslos und interpretierte es als Fassungslosigkeit oder Unverständnis. Also begann er von vorn. Mit den Händen unterstützend versuchte er, Eva verständlich zu machen, was geschehen war.

„Der Schädel hat einen kleinen Bruch – ungefähr so groß …“, Er zeigte mit den Fingern einen Abstand von etwa einem Zentimeter. „… eine Fraktur, wie wir es nennen. Dadurch gelangt Blut ins Innere des Gehirns und kann es so schädigen. Leider weiß man nie vorher, wie sich solche Blutungen auswirken. Oft zeigt es sich erst spät, ob Zellen geschädigt sind.“

Der Arzt musterte Eva, um zu sehen, ob sie verstanden hatte. Doch ihre Reaktion bestand nur aus einem wortlosen Nicken, in das er alles hätte interpretieren können. Und das tat er. Er glaubte selbstverständlich fest an das stumme Leid einer Mutter, die ihr Kind verlieren könnte. Verlegen wanderten seine Augen den Gang entlang, an Eva vorbei. „Hören Sie … ich weiß, das ist jetzt schwer für Sie. Aber ich muss Sie fragen, ob Sie im Falle, dass ihre Tochter es nicht schafft, bereit sind, deren Organe zu spenden.“

Eva hörte den Arzt reden. Sie nickte bloß, um ihn loszuwerden.

Vor Katjas Bett blieb Eva zunächst unbeweglich stehen. Sie fürchtete, das Kind alleine mit ihrem Atem aufzuwecken. Katja lag nackt auf der bezogenen Matratze, durch Schläuche versorgt und mit Wundmitteln versehen. Ihr bandagiertes Köpfchen lag auf einem flachen weißen Kissen und ihr Gesicht hatte mit den geschlossenen Augen genau das, was es im wachen Zustand niemals hatte – einen völlig entspannten Ausdruck. Sie sah so friedlich aus, als hätte man sie für einen Auftritt als totes Engelchen zurecht gemacht.

Wie viel Zeit verbrachte Eva vor Katjas Bett? So viele Stunden, in denen sie ohne Gegenblick ihre Tochter betrachten konnte und in denen sie in ihren Gedanken versank. Es war nicht Katjas Leben, das an ihr vorbei zog. Es war ihr eigenes Leben und doch war es unlösbar mit Katja verbunden. Sie sah sich in ihrem Kind wieder. Katja in den letzten sechs Jahren, Katja im Bauch, als fleischliches Erbe ihres gewalttätigen Mannes. Und Katja auch davor. Nämlich Eva selbst als Kind. Im Elternhaus, auf der Straße, im Heim. Katja als Ergebnis eines lieblosen Lebens. Dieses Kind schien ihr wie ein Fluch. Selbst wenn Eva ihrem Leben ein Ende setzen würde, würde sie in Katja weiter leben. Ungewollt und ungeliebt. Wie hatte Katjas Therapeut zu Eva gesagt? ‚Wer selbst niemals Liebe empfangen hat, kann nur schwer Liebe geben’. Was sie Katja geben sollte, kannte sie doch gar nicht. Liebe gab es nur in ihrer Phantasie, als irgendetwas Schönes aus dem Fernseher.

Als der Arzt nach ihr sah, weinte Eva. Der Mann legte beruhigend seine Hand auf ihre Schulter und führte sie langsam aus der Intensivstation, half ihr mit einem kleinen Mulltuch für die Tränen aus. Dabei weinte Eva nicht um ihr Kind, sondern um sich selbst. Aber das wusste er nicht.

2 Antworten »

  1. Die letzten Absätze nach dem Unfall haben mich wirklich gefesselt. Du hast einen Blick für Feinheiten und so macht es auch “Spaß” solche Szenen zu lesen. Wobei ich unter “Spaß” jetzt eher den Drang verstehe, weiterzulesen. Mir fiel nur gerade kein passendes Wort ein.
    Hast du das Manuskript schon fertiggeschrieben?

    • Danke für das Kompliment. Das Manuskript ist noch in Arbeit. Fertig ist ca.. noch mal so viel, wie hier veröffentlicht. Wobei “fertig” ja relativ ist.
      Allerdings habe ich den kompletten Handlungsablauf bereits grob auf Papier. Die Figuren sind ausgearbeitet und die Kapitel stehen auch ungefähr fest. Der Rest kommt beim Schreiben. Das ist dann die schönste Phase des Schreibens für mich. Darauf freue ich mich schon die ganze Zeit.

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